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Deutschmann befriedigt Lust auf deftig Derbes

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Matthias_Deutschmann_018Fast so etwas wie ein Heimspiel hatte der gebürtige Betzdorfer Matthias Deutschmann bei seinem Auftritt in der voll besetzten Lyz-Schauplatzbühne. Doch  Heimatkunde der etwas anderen Art, war dem in Freiburg lebenden Kabarettisten nur einige spöttische Randbemerkungen wert.

Vielmehr galt es top aktuelle Ereignisse, wie den Abgang des Bundespräsidenten aus der „Wulff-Schanze“  zu kommentieren, und die Frage nach potentiellen Nachfolgern zu erörtern. Und was würde mit Bettina Wulff geschehen, wenn sie die Absicht geäußert hätte, auch unter einem anderen Hausherrn im Schloss Bellevue zu bleiben?

Matthias Deutschmann kombiniert in seinem mit Upgrades versehenen Programm „Solo 2012“  Aktualität und Tiefe mit Musikalität, Witz und dem Mut zur Improvisation. Bissiger, giftiger und dennoch lockerer denn je, bekommt nicht nur Wulff sein Fett ab, sondern auch die anderen Bundespräsidenten-Fehlgriffe, wie der „Nestflüchter“ Horst Köhler.

Von den potenziellen Kandidaten bleibt außer Roberto Blanco eigentlich nur noch Papst Benedikt übrig, der dank „Bild“-Unterstützung („Wir sind Joseph“) einmal gewählt, nur noch mit den Füßen zuerst aus seinem Amtssitz herausgetragen wird.

Der Lust der Deutschen auf deftig Derbes trägt Deutschmann genüsslich Rechnung. Die Kunst des Fluchens und Fixierung aufs Anale belegt er am Beispiel von Martin Luther und  Charlotte Roche: „Gegen Luther ist Bushido ein kleiner Furz aus dem Integrations-Bambi“.

Im Wettlauf mit der Zeit ist der Kabarettist auf der Höhe der Zeit: Mit dem Blender Guttenberg ("der fleisch gewordenen Erwartung“)  ist wieder zu rechnen, während Bin Laden und Gaddafi per Kopfschuss erledigt sind.

Mit dem kraftvollem Klang seines Cellos nimmt sich der Philosoph unter den Kabarettisten großer Ereignisse an, wie den Supergau in Fukushima: „Ein Supergau darf nach den Berechnungen der Atomindustrie nur alle 33000 Jahre stattfinden. Ich habe jetzt schon den zweiten erlebt und muss sagen: Die Zeit ist schnell vergangen“, erklärt Deutschmann, der sich über Gott und Welt mit sarkastischer Inbrunst aufregt. „Das wird die Hölle“, ereifert er sich über das, was wir und die abgehalfterten Politiker zu gewärtigen haben. 

„Man hat nur eine gewisse Zeit zu leben“, verkündet Deutschmann, der seinen Siegener Zuhörern ein zündendes Höllenfeuer beschert, in dem Politiker, falsche Heilige, und ganz Scheinheilige, wie Thilo Sarrazin, schmoren: „Nur in der griechischen Hölle, dem Hades, herrscht gedämpftes Licht. Die Seele liegt im Wasser. Das ist Wellness-Hölle pur“, so Deutschmann. Zu schön um wahr zu sein. Besonders für die Griechen im Diesseits.

„Die großen Themen kommen und gehen“, konstatiert der Satiriker, der lieber auf finale Grabinschriften für noch lebende Zeitgenossen kapriziert: „Ende offen“ für Charlotte Roche. Und für Berlusconi: „Dreimal gewählt, einmal erschossen“. Sich selbst wünscht er eine Bestattung auf dem Friedhof für Kabarettisten, der sich nach der Vorstellung des Lyz-Publikums in Betzdorf befinden könnte. (hbg)