Foto: Apollo/Thomas AurinOstern ist zwar gerade erst vorbei, die leere Apollo-Bühne schmückte am 7. Biennaletag aber ein poppiger Christbaum. Hendrik Ibsens „Nora oder ein Puppenheim“ stand auf dem Programm und das spielt kurz vor Weihnachten im Hause der Familie Helmer.
Dort scheint alles perfekt zu sein: Ansehen, Geld – darauf legt man hier Wert und das gibt es jetzt, denn Torvald Helmer ist gerade zum Bankdirektor befördert worden. Als seine Frau Nora jedoch erpresst wird, kündigt sich aber die Katastrophe an. Vor Jahren hatte sie heimlich einen Kredit aufgenommen, um ihren kranken Mann zu unterstützen. Dafür fälschte Nora aber die Unterschrift ihres Bürgen.
Als Torvald jetzt alles erfährt, fürchtet er vor allem um seinen guten Ruf. Nora verlässt ihn, nachdem sie erkannt hat, dass sie eigentlich immer nur Torvalds Spielzeug gewesen war, sein Püppchen, aber nie seine Partnerin.
Ibsens Drama von 1879 wirft einen kritischen Blick auf die verkrusteten Gesellschaftsstrukturen des späten 19. Jahrhunderts. Es ist ein Plädoyer für die Frauenemanzipation. Herbert Fritsch, Regisseur am Theater Oberhausen, hat sich für seine Adaption, einen ganz ungewöhnlichen Zugang überlegt. In seiner Inszenierung hat sich eine Truppe menschlicher Zombies auf der Bühne versammelt, die allesamt Frankensteins Keller entsprungen sein könnten.
Nora – laut, schrill, hyperaktiv, oberflächlich, geldversessen - ist das (Sex)-Püppchen, das Lustobjekt, das jeden gerne unter ihren Babydoll schauen lässt - Männer wie Frauen. Dennoch ist sie fremdbestimmt, bewegt sich oft nur wie eine Spieluhrfigur über die Bühne.
Ihr Mann, ein gewalttätiger, geiler Macho, ist keinen Deut besser. Eigentlich kommt niemand gut weg in dieser Rocky-Horror-Picture-Show und eine ganze Zeit lang ist das durchaus eindrucksvoll anzusehen. Die überzeichneten Charaktere, die überzogene Spielweise, die Musik, die Lichteffekte, die Anleihen aus Märchen und Kino - alles ist bunt, schrill, bildgewaltig, teilweise komisch, absurd.
Auch die Schauspieler machen ihre Sache großartig. Nicht umsonst wurde Manja Kuhl für ihre Nora-Darbietung 2011 zur besten deutschen Nachwuchsschauspielerin erklärt. Und trotzdem – nach etwa einer Stunde fängt das überbordende Bildspektakel an die Nerven zu strapazieren. Es gibt einfach von allem zuviel. Doch die Inszenierung fängt sich wieder, als Nora zum ersten Mal über die Mechanismen ihrer Ehe nachdenkt.
Das setzt Manja Kuhl sehr anschaulich um - Ton, Körperhaltung und Stimmlage – alles ändert sich. Besonders beeindruckend sind die Szenen, die das Ende einleiten. Auf der Bühne steht der Weihnachtsbaum in Flammen – eine eindrucksvolle Allegorie für die Situation im Hause Helmer. Wie im Märchen Sterntaler steht Nora dann, nachdem sie ihren Mann verlassen hat, in einem Regen aus Gold. Doch schwarzen Gestalten, die am Bühnenrand herabgleiten, mahnen: Nora, Nora, Nora.
So endet die Inszenierung, doch der Vorhang fällt nicht. Es schließt sich ein Abspann an - ganz wie im Kino. Die fünf Ensemblemitglieder nehmen ihre Positionen ein auf der imaginären Drehorgel - Nora in der Mitte. Die Puppen verabschieden sich zum lang anhaltenden Applaus.
Großes Kompliment an das Apollo-Team, das dieses Stück nach Siegen geholt hat. Man kann solches Theater mögen oder nicht – und es gibt sicherlich einige Gründe, diese überzogene Regiearbeit abzulehnen. Trotzdem. Inszenierungen wie diese gehören auf jeden Fall auf einen Biennale-Spielplan – denn so etwas Außergewöhnliches bekommt man wirklich selten zu sehen.


