"Im Turnierreigen des 1. FC Kaan-Marienborn, der am Wochenende auf dem Schießberg fünf Wettbewerbe für die Junioren ausrichtete (von F- bis A-Junioren), kam es bei den ältesten Nachwuchs-Kickern zum Eklat. Die Spieler des Gastgebers gerieten im Halbfinalspiel gegen den SuS Niederschelden mit ihren Gegnern in Streit. Es kam zu heftigen Prügeleien, in deren Folge das Turnier abgebrochen wurde" - so unsere Expressi-Meldung.
Die gewalttätigen Krawalle rund um den Turnierabbruch der A-Junioren passen in das Bild, welches viele Beobachter in den letzten Jahren von der zunehmenden Brutalität im Jugendfussball zeichnen. Hierfür genügt eine kurze Internetrecherche. Dass es nun zwei Vereine aus der Region getroffen hat, ist bedauerlich - aber diesen Vereinen auch nicht anzulasten. Ganz sicher haben wir es nicht mit zwei Schlägerbanden zu tun, die sich das Walter-Leipold-Gedächtnisturnier gezielt und verabredet als Hooligan-Kampfstätte ausgesucht haben.
Die körperlichen Auseinandersetzungen in der Schießberghalle haben eine schlimme, individuelle Vorgeschichte, die bis ins letzte Jahr zurückreicht. Hier wurde wohl ein Akteur in seiner Würde schwer verletzt und nun erneut provoziert. Blitzschnell eskalierte eine Gewaltsituation, in welcher dem Hauptakteur und den anderen jugendlichen Beteiligten auf dem Feld und auf den Rängen wohl keine Möglichkeiten der friedlichen Konfliktbewältigung mehr zur Verfügung standen.
Wie andere gesellschaftliche Bereiche auch spiegelt der Jugendfussball nur die Entwicklung der gesamten Gesellschaft wider. Ob Diskothekenschlägerei, jugendlicher Vandalismus, Schulhofschlägereien, Mobbing in Jugend-Cliquen bis hin zur sadistischen Gewalt gegenüber Schwächeren inklusive Handy-Videoaufzeichnung und anschließender Internetveröffentlichung - alle diese Scheußlichkeiten sind Ausdruck unserer zeitgenössischen Kampfkultur in der egoistischen Durchsetzungsgesellschaft. Die aus ökonomischen Zwängen doppelverdienende Elternschaft übergibt den Nachwuchs den Rundum-Betreuungsangeboten von Schulen und Vereinen; die eigene Jugendclique liefert die Wertmaßstäbe auf dem Niveau von 'Dschungelcamp' und 'Deutschland sucht den Superstar'.
Müssen also Jugendtrainer und Jugendleiter in Sportvereinen heutzutage ebenso als "pädagogische Ausputzer der Nation" herhalten wie Lehrer an Schulen, denen die Gesellschaft mittlerweile anscheinend die komplette elterliche Erziehung übertragen hat? Müssen künftige Übungsleiter von ihren Vereinen demnächst zu Deeskalations-Seminaren an Sporthochschulen geschickt und zu Mediations-Experten ausgebildet werden? Ist das die Aufgabe von Sportvereinen?
Wer einmal mitbekommt, in welch übler Weise Schiedsrichter selbst von erwachsenen Zuschauern beleidigt und wohl auch bedroht werden, ahnt, wie tief die Dimension des Problems reicht. Und sicher trägt auch eine übertriebene Fankultur wie jene der Ultras, welche die Identifikation mit dem eigenen Verein quasi als eine Art Ersatzreligion betreibt, nicht dazu bei, Mannschaftssport als Spiel zu begreifen. Auch ein falscher Ehrgeiz von Eltern, die bereits die Bambinis zu Höchstleistungen antreiben, tut dem Jugendfussball nicht gut. Wie schnell wird unter diesen Umständen aus dem gegnerischen Team nicht eine sportliche Konkurrenz, sondern schlicht der Feind.
Die neuen Erzieher also: Kindertagesstätten, Schulen, Vereine, unter Umständen sogar der Arbeitgeber. Die Vereine werden das jedenfalls nicht leisten können, zu viel steht schon auf dem Programm: Anti-Doping, Anti-Fremdenhass, Anti-Gewalt.


