Bissig und sarkastisch - auch mit 85 legt sich Dieter Hildebrandt in seinem neuen Programm noch schwungvoll in die Kurve. Foto: hbgMit einer gewissen Störrigkeit, die nichts mit Altersstarrsinn, sondern vielmehr mit dem wachsenden Grad der Verblödung in dieser unserer Republik zu tun, redete sich der kürzlich 85 Jahre alt gewordene Kabarettist Dieter Hildebrandt bei seinem ersten Auftritt im Würgendorfer Heimhof-Theater in Rage.
In seinem neuen Programm „Ich kann doch nichts dafür“ benannte der vom Ruhestand noch weit entfernte Hildebrandt die Verantwortlichen aus Politik, Kultur und Gesellschaft, die den Unsinn zur Staatsräson erheben.
Mit galligem Humor und beißendem Sarkasmus geißelte er bundesrepublikanische Zustände, die Piraten ohne Orientierungsinn, Minister mit entweichender Wichtigkeit und die mit kleinen Blähungen geplagte „Krabbelgruppe“ der FDP hervorbringt.
"Ich habe keine Zeit mich darüber aufzuregen, denn die Welt soll demnächst untergehen“, verkündete Hildebrandt, der sich dennoch über Sport, Sportler und Sportreporter im TV tierisch aufregen konnte. Genüsslich stellte er sich vor, wie es wäre, wenn Autorennfahrer in jeder Runde anhalten und mit scharfer Munition aufeinander schießen, oder was es mit Bundestrainer Jogi Löws Aussage „Meine Jungs können am Ball alles“ auf sich hat, wenn sie ihn nicht haben.
Die Kabarett-Ikone, die beim Gehen noch keine Kalkspur hinterlässt, wie seine Enkelkinder spötteln, und der KV-Beiträge nachzahlen muss, weil seine Sterbewahrscheinlichkeit von 77 Jahren locker überschritten wurde, kannte bei kopflosen, desorientieren Politikern und Medien-Vertretern, die ihren Kopf nur noch zum Schütteln gebrauchen, kein Pardon.
Innenminister Friedrich („die Gefahr kommt von links), "Bunte"-Chefin Patricia Riekel aus „Burdapest“ oder die Einpeitscherin der „Glücksindustrie“, Heidi Klum, alle bekamen sie ihr Fett weg, wie auch die Vertreter der Kirche und die noch immer „gludernde Lot“ von Edmund Stoiber.
Doch Hildebrandt wusste auch von Schönem zu berichten. Vom Glück zum Beispiel, „das dort ist, wo man sich kratzen kann, wenn’s juckt.“ Doch zum Glück währt bekanntlich solcherlei Harmonie nur kurz. Männer wie Strauß-Kahn lässt der Kabarettist kopflos in ihr Unglück laufen und bescheinigte ihnen auch noch eine Dishormonie.
Menschenrechte („brauchen wir nicht, bis jetzt ging es auch ohne“), Rettungsschirme, die man wahlweise stricken und auch häkeln kann, Griechenland und der Zahlungsverkehr, die Unwissenheit selbst eines Peter Scholl-Latour im Afghanistan-Konflikt und die Unsterblichkeit von Angela Merkel, deren Leben, verkörpert von Meryl Streep, irgendwann in die Kinos kommt, nichts ließ der scharfzüngige Analytiker unerwähnt.
„Wir müssen nach vorne blicken“, ließ er seine Zuhörer wissen, um sogleich die Hoffnung auf Besserung fahren zu lassen. „Ich habe neulich mit meiner Frau zweieinhalb Stunden nach vorne geblickt. Es ist uns aber niemand entgegengekommen."
Hildebrandt legt sich mit 85 noch schwungvoll in die Kurve. Allerdings nur bis zur nächsten, um erst mal zu sehen, wie es weitergeht, beispielsweise mit der Humor-Entsorgungsanstalt ARD, die sich nur noch um Einschaltquoten schert. „Die gäbe es, wenn bei „Sexy Hexy im Petersdom Christine Neubauer die Titelrolle spielt.“
Mit stehenden Ovation wurde der fast dreistündige Rundumschlag des Grandseigneurs des deutschen Kabaretts bedacht, der sich zum Schluss mit einer fulminanten Rap-Einlage auch als HipHopper empfahl. (hbg)













