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Alles die gleiche neoliberale Soße?

Auf dem Podium (von links): Samuel Decker, Prof. Dr. Carsten Hefeker, Jun.-Prof.in Dr. Svenja Flechtner, Prof. Dr. Nils Goldschmidt, Prof.in Dr. Lisa Herzog. Foto: Uni Siegen

Bei Forum Siegen entwickelte sich eine lebhafte Diskussion rund um die Frage „Wie politisch ist die Ökonomik?“

Der Abschluss des Wintersemesters von Forum Siegen kam diesmal zu ungewohnter Zeit und mit ungewohnter Konstellation: Die Forschungsstelle „Plurale Ökonomik“ beendete ihre Vorlesungsreihe „Wie politisch ist die Ökonomik?“, Forum Siegen das Semesterthema „Alles Kapitalismus? Formen und Perspektiven einer lebensdienlichen Ökonomie“ – zusammen ergab dies eine quicklebendige Diskussionsrunde zu vorgezogener Stunde (18 Uhr) in der Aula des Lÿz an der St.-Johann-Straße in Siegen. Auf dem Podium zum Thema „Wie politisch ist die Ökonomik?“ saßen fünf Ökonominnen und Ökonomen, darunter Moderatorin Dr. Svenja Flechtner, seit März 2018 Juniorprofessorin für Plurale Ökonomik in Siegen.

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Die alles bestimmende Frage des Abends war, wie politisch oder unpolitisch ökonomische Forschung und Beratung sein kann und soll. Geleitet durch die Moderation gerieten die Politikberatung und dabei ganz besonders der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung schnell in den Fokus. Ist der ökonomische Mainstream überwiegend Neoliberalismus? Suchen Auftraggeber für ökonomische Studien in der Regel Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ihnen politisch und gedanklich nahestehen? Geraten Ökonomen in die Zwickmühle, Analyse, deskriptive Ergebnisdarstellung und normative Beratungsinhalte zu vermischen?  

Während der Diskussion wurde schnell klar: Uniform ist die Ökonomik nicht, auch wenn zumindest zwei Diskutanten dies so sahen. Gemäß Lisa Herzog (Professorin für politische Philosophie und Theorie, TU München) gibt es in Deutschland durchaus Unschärfen durch existierende Weltbilder, die in Forschung und Beratung ihren Widerhall finden. Sie plädierte dafür, das Studium interdisziplinärer aufzustellen, um realitätsaffiner zu arbeiten: „Es sollte verboten sein, nur Ökonomik zu studieren.“  

Samuel Decker plädierte in Anbetracht der Dominanz marktliberaler Ansichten für alternative Curricula sowie plurale Lehr- und Lernmaterialien. Die neoliberale Mainstream-Ökonomik ist aus seiner Sicht „hochverdichtet, pro-kapitalistisch und hochpolitisch“. Decker studierte „Politische Ökonomie der Europäischen Integration“ an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin und vertrat auf dem Podium das studentische Projekt „Exploring Economics“, ein offenes Projekt des Netzwerks Plurale Ökonomik e.V. und der International Student Initiative for Pluralism in Economics (ISIPE).

Einseitigkeit in Forschung und Beratung vermochte Nils Goldschmidt nicht auszumachen. Seiner Meinung nach gibt es viele unterschiedliche Positionen, allenfalls in der Lehre gebe es Reflexionsbedarf, ob die bestehende Vielseitigkeit transportiert werde. Prof. Dr. Goldschmidt hat an der Universität Siegen die Professur für Kontextuale Ökonomik und ökonomische Bildung inne, ist Direktor des Zentrums für Lehrerbildung und Bildungsforschung sowie Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft e.V. und zudem studierter Theologe.  

Mehr Interdisziplinarität, so Carsten Hefeker, täte grundsätzlich allen Gesellschaftswissenschaften gut. Übertreibe man, bliebe aber nur „ein großer Studiengang Gesellschaftswissenschaften“. Das stehe dem Postulat entgegen, jungen Menschen im Studium auch Berufsfähigkeit durch Spezialisierung mit auf den Weg zu geben. Auch Prof. Hefeker (Volkswirt an der Universität Siegen, Schwerpunkt Europäische Wirtschaftspolitik, Gründungsdirektor des Forschungskollegs „Zukunft menschlich gestalten“) sah die Ökonomik in ihren diversen Ausrichtungen plural aufgestellt.

Werden Gutachter gemäß ihrem Weltbild ausgesucht? Lisa Herzog ist davon überzeugt. Carsten Hefeker betonte die evidenzbasierte Ausrichtung der Ökonomik und gab zu bedenken, dass Ratsuchende durchaus das Recht haben, sich ihre Berater auszusuchen. Das beinhalte nicht per se Einseitigkeit. Diese Meinung teilte Nils Goldschmidt vor allem mit Blick auf den Sachverständigenrat: „Die Mitglieder wissen um ihre Verantwortung und sind manchmal enttäuscht, dass Politik nicht auf sie zugeht.“ Politiker indes gingen beileibe nicht nur auf Experten zu, die ihnen nach dem Mund redeten. Goldschmidt: „Ökonomen denken über Märkte nach und sind nicht per se Kapitalisten.“ Goldschmidt unterstrich seine Überzeugung, dass Ökonomen in Deutschland sehr heterogen seien und verwahrte sich gegen „Ökonomenbashing“ in Form des Vorwurfs der Blockmentalität.

Lisa Herzog sah die Ökonomen besonders hinsichtlich der Themenfelder soziale Ungleichheit und Nachhaltigkeit in der Verantwortung. Samuel Decker plädierte für eine sozial-ökologische Transformation hin zu einem alternativen Wirtschaftssystem. Carsten Hefeker konterte: „Es ist legitim, eine Meinung zu haben, wie sich die Welt verändern sollte. Das ist aber nicht die genuine Aufgabe der Ökonomik, sondern ein gesellschaftlicher Prozess.“ Die Aufgabe der Ökonomen in diesem Kontext sah er darin, „mit Sachverstand Fragen zu beantworten“. Transparenz hinsichtlich der verwendeten Werkzeuge sei dabei unabdingbar. Nils Goldschmidt sah die Ökonomen bei der Bürgerberatung und der Aufklärung in der Pflicht. Die Ergebnisse könnten in Politikberatung einfließen. Goldschmidt: „Ökonomen sollten aufklären und Maßnahmen benennen, die Änderungen bewirken können.“ Während Samuel Decker die Auffassung vertrat, Beratung sei in der Regel „die gleiche neoliberale Soße“, erläuterte Nils Goldschmidt mit Blick auf den Sachverständigenrat, dessen Einfluss seiner Meinung nach eher gering ausfällt, dass im Rahmen der Konsensfindung dort auch „die Fetzen fliegen“.

 

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