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Integrationskonzept der Stadt Hilchenbach weg vom „Papiertiger“

Ahmed Alhussein liebt deutsche Redewendungen und Sprichwörter. Foto: Stadt Hilchenbach

Bei der Vorstellung des Integrationskonzeptes im Rat der Stadt und in der Öffentlichkeit machte Fachbereichsleiterin Anja Weyand im Sommer 2018 deutlich, dass Integration zur Daueraufgabe werde. Themen wie Wohnraum, Sprache und die Integration in den Arbeitsmarkt seien Schwerpunkte auf dem Weg zur eigenständigen Existenz für geflüchtete Menschen, die jetzt in Hilchenbach leben. Dafür sei die Arbeit der ehrenamtlichen Integrationslotsen enorm wichtig. Für die fachliche Umsetzung der verschiedenen Themenbereiche des Integrationskonzeptes, für Einzelhilfen und die professionelle Unterstützung der Ehrenamtlichen sind die Sozialarbeiterin Andrea Hartmann und die Sozialwissenschaftlerin Verena Simonazzi Ansprechpartnerinnen im Rathaus der Stadt Hilchenbach.

 

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Ahmed Alhussein liebt deutsche Redewendungen und Sprichwörter

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Der frühe Vogel fängt den Wurm, aus den Augen aus dem Sinn oder eine Hand wäscht die andere, sind Sätze, die Ahmed Alhussein wie selbstverständlich benutzt. Er ist 23 Jahre jung und wollte eigentlich in Syrien seinen Traum verwirklichen und Geschichte und Philosophie studieren. Aber wegen des Krieges war das nicht möglich. „So bin ich, wie das viele junge Leute gemacht haben, erst einmal im Sommer in den Libanon gegangen, um zu arbeiten und Geld zu verdienen. Ich habe als Bauarbeiter gearbeitet und hatte nach drei Monaten einen schweren Unfall. Ein Betonteil hat mein Bein so zerquetscht dass im Krankenhaus mein Fuß amputiert werden musste. Das war ein großer Schock für mich und sehr schwer. Ich war 18 Jahre und das war quasi Glück im Unglück, weil die Firma die Behandlung bezahlen musste. Nach langen Behandlungen bin ich mit einer Beinprothese nach Syrien zurück, ohne Perspektive auf ein Leben dort im Krieg und mit Behinderung“.

 

Flucht aus Syrien – Hoffnung auf Ausbildung und Arbeit in Deutschland 

Ahmed Alhussein wagte die lange Flucht über die Türkei, dort war sein Bruder in Istanbul. Dann ging es weiter mit dem Schlauchboot nach Griechenland auf eine Insel deren Namen er nicht mehr weiß. Es war November 2015 und es ging über ein Flüchtlingscamp mit der Fähre nach Athen und weiter mit dem Bus nach Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien und Österreich nach Deutschland. Unterwegs kippt der Bus um. Ahmed bleibt zum Glück unverletzt.

Bis er vor Weihnachten die Notunterkunft in der Hauptschule Dahlbruch erreicht, hat er Stationen in Köln, Münster, Mönchengladbach hinter sich gebracht, insgesamt einen Monat war er unterwegs.

 

Erfolgreich Deutsch gelernt mit Abschluss der B2 Prüfung – Der nächste Schritt – Bewerbung um einen Ausbildungsplatz als Erzieher

Lernen ist seine Leidenschaft und so nimmt er schnell an den ersten ehrenamtlich von Mongi Zoghlami organisierten Deutschkursen rund um das Haus ErnA teil. Hier entsteht der Kontakt zu Marion Wabner und später zu Helga Dellori, die sich beide aus langjähriger Arbeit bei der SMS SIEMAG kennen, sich viele Jahre nicht begegneten und durch das ehrenamtliche Engagement in der Flüchtlingshilfe wieder trafen. Es folgen Kurse bei der DAA und VHS und Ahmed setzt ganz diszipliniert und engagiert auf viele Stunden selber lernen mit Unterstützung aus dem Internet und durch Üben mit den Ehrenamtlichen. Schließlich absolviert Ahmed erfolgreich die B 2 Abschlussprüfung in Deutsch, eine Voraussetzung für eine Ausbildung. Auch hier geht Ahmed enorm zielstrebig vor, lotet mit Marion Wabner realistisch seine Möglichkeiten aus, und entscheidet sich für die Arbeit mit Kindern. Ein erstes Praktikum absolviert er in der AWO-Kindertagesstätte in Kredenbach, das zweite 6-Monate Praktikum in der Kindertagesstätte Maluma in Ferndorf. Die Unterstützung und Anerkennung der jeweiligen Teams ist ihm gewiss und so reift die Entscheidung für eine Ausbildung als Erzieher. Sein Abiturzeugnis ist zwischenzeitlich anerkannt und die Beratung im Berufskolleg AHS hat ihm Mut gemacht sich im Februar 2019 um einen Ausbildungsplatz zu bewerben.

 

Seelenverwandtschaft – zweier Männer mit Beinprothesen – und die Liebe zum Fußball

Als besonderer Glücksfall ist sicherlich die erfolgreiche Suche nach einer eigenen Wohnung. Denn – welche Fügung des Schicksals – der Vermieter kennt das Leben mit einer Beinprothese aus eigener Erfahrung. Er nimmt Ahmed Alhussein in seiner Einliegerwohnung in Dahlbruch auf und fortan quasi unter seine „Fittiche“, besonders wenn es um Hilfen mit der Krankenkasse, Sanitätshaus und Orthopädietechnik für die richtige Beinprothese geht. Und noch etwas teilen die beiden regelmäßig, die Leidenschaft zum Sport, besonders Fußball. Manche Spiele schauen sie gemeinsam und diskutieren heftig. Ahmed spielt selbst zeitweise in einer Mannschaft in Siegen und ist Fan von Schalke 04 und Real Madrid.

 

Eines ist allgegenwärtig – das Heimweh nach der Familie und Freunden

Nach drei Jahren in Deutschland ist, trotz Internet, Skype und regelmäßigen Handy-Gesprächen mit der Familie und Freunden das Heimweh groß, besonders die Mutter fehlt nicht nur Ahmed, sondern auch vielen anderen jungen Männern, die nach ihrer Flucht jetzt in Hilchenbach leben. Das hat unter anderem Ahmeds besten Freund, Ibrahem Alkadar dazu gebracht alles daran zu setzen, zu seiner Familie nach Hamburg zu gehen. Vom ersten Besuch im Dezember bei seinem Freund in Hamburg sagt Ahmed, „das war die schönste Zeit in meinem Leben in Deutschland.“ In Dahlbruch geht es weiter mit Deutsch lernen, den Sinn schwieriger Wörter und Redewendungen zu verstehen, gemeinsam mit Marion Wabner und Helga Dellori und gelegentlichen Auszeiten bei Kaffee und Kuchen in deren zu Hause.

Ein afrikanisches Sprichwort sagt – um ein Kind groß zu ziehen braucht es ein ganzes Dorf – Gelungene Integration braucht viele Talente und einen langen Atem von vielen Menschen.

 

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